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PIANO BOOGIE SPECIAL mit Michael Maass

vom 06. Februar 2002


Duo Birr + Marek "Tag ohne Kampf"

vom 07. Februar 2002


J. P. Ulmer

vom 19. Februar 2002


Hands on Strings mit Thomas Fellow

vom 12. März 2002


Chris Farlowe

vom 11. April 2002

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Klaus Doldinger's Passport

vom 16. April 2002


Billy Cobham

vom 25. April 2002


Christian Röver, Paul Shigihara, Renato Rozic

vom 05. Mai 2002


Joe Zawinul

vom 06. Mai 2002


Bach - Reflections in Jazz

vom 09. Mai 2002


MSL Big Band

vom 29. Mai 2002

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Doppelkonzert zum Leipziger Jazz Nachwuchsstipendium

vom 18. Juni 2002


Billy Cobham

vom 19. September 2002

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Die klangvollsten Namen der internationalen Jazz-Szene geben sich im SPIZZ die Klinke in die Hand. Im Jazzkeller am Markt, zeugen die Plakate und Fotos von der Jazztradition in der atmosphärereichen Kneipe. Neuerliches Highlight war am 19. September Billy Cobham’s ‘Culture Mix’.

 

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr besuchte der unvergleichliche Schlagzeuger unsere Stadt und wiederum hatte er großartige Musiker angeheuert, um sich mit einem äußerst lebendigen und abwechslungsreichen Programm auf Tournee zu begeben. Zur ‚Culture Mix’-Crew gehören der Göteborger Marcos Ubeda (Orgel), Per Gade (Gitarre) aus Kopenhagen, Stefan Rademacher (Bass), Krefeld und der in der Schweiz lebende Wilbert Junior Gill (Steel Pan und Percussion).

 

Die lebende Jazz-Legende Billy Cobham ist seit nahezu vierzig Jahren wohl einer der vielseitigsten, produktivsten und innovativsten Musiker. Er studierte unter anderem bei Thelonius Monk und Stan Getz und bezog nach eigener Einschätzung seine wichtigsten Einflüsse zum Beispiel von John Coltran und Miles Davis. Der Schlagzeuger, der seit der Veröffentlichung seines Debüt-Albums „Spektrum“ 1973 insgesamt 35 eigene Schallplatten veröffentlichte und bei mehr als 300 Veröffentlichungen als Sideman mitwirkte, arbeitete unter anderem mit James Brown, Miles Davis, John McLaughlin und Peter Gabriel. Beständig ruft er neue Projekte und Bands ins Leben und bewegt sich vorsätzlich in den verschiedensten Stilen. Bekannt ist Cobham für schnelles, explosives Drumming. Das er ein äußerst variables und facettenreiches Spiel laut wie leise ebenso beherrscht, davon konnte man sich im SPIZZ ein weiteres Mal überzeugen.

 

Das Konzert wurde von der Trommel und den Percussions eröffnet. Nach und nach gesellten sich Bass, Keyboard und Gitarre hinzu. Wir wurden mit einem smoothen Intro begrüßt, das in einem ausgiebigen Solo Marcos Ubedas endete. Der Keyboarder aus Schweden hatte in diesem Jahr auch außerhalb der Jazzwelt auf sich aufmerksam gemacht, als die Gruppe ‚Afro-dite’ mit seinem Song ‚Never let it go’ beim Eurovision song contest in Tallin den 8. Platz erreichte.

 

Zum ‚Culture Mix’-Programm haben die Musiker gleichberechtigt mit ihren Kompositionen beigetragen. Insgesamt ergab sich dadurch ein sehr vielseitiges aber ausgewogenes Konzert. Für jeden Einzelnen war viel Raum, sich solistisch auszuleben. Aber ob smooth oder beschwingt, verträumt und glöckchenzart oder wild und tobend, immer war das Schlagzeug „master of the puppets’. Vom Drumset aus wurde bestimmt, wann und wie sich die Dinge zu entwickeln hatten. Nach einem solistischen „Freigang“ eines Mitspielers parierte Cobham mit sanftem aber bestimmten Trommeln durch um seinerseits wieder langsam eine Steigerung aufzubauen, die dann zu einem gigantischen Solo führte und in einem Fall mit einem Duell zwischen Schlagzeug und Steel Pans endete.

 

Für Percussion und Steel Pans war kein geringerer als Wilbert Junior Gill verantwortlich. Der Gründer des ‚Schweizer National Steel Orchester’ sowie der ‚Wilbert Gill Steelpan School’, der bereits mit 25 Jahren zum Musikalischen Direktor des ‚Melodians Steel Orchestra UK’ ernannt wurde, nahm schon mehrfach am Montreux Jazz Festival teil, wo er unter anderem mit Dave Sandborn, Manu Dibango oder Quincy Jones zusammen traf und zusammen mit Phil Collins oder Santana auf der Bühne stand.

 

Per Gade, mit dem Billy Cobham seit einigen Jahren zusammenspielt, wird als einer der talentiertesten Gitarristen der jüngeren Generation gehandelt, wie er unter Beweis stellte, zu recht. Ob er sich im ausgelassenen Spiel mit dem Keyboarder die Bälle zuwirft, ein zartes, verträumtes Solo improvisiert, es in genialen Gitarrenläufen auf die Spitze treibt oder zusammen mit dem Bassisten ein sehr rockiges Thema durchführt, er beherrscht sein Instrument ebenso wie das Feeling für die verschiedensten Stile.

 

Stefan Rademacher am Bass reicht hier ebenso das Wasser. Seine Erfahrungen in den unterschiedlichen Musikrichtungen dürfte er zum großen Teil aus dem von ihm 1997 in Krefeld gegründeten Projekt ‚Jazzattack’ bezogen haben. Darüber hinaus wurde der für Live- und Studioproduktionen gefragte Bassist unter anderem von Musikern wie Chaka Khan, Jennifer Rush, Gary Husband, Randy Brecker oder Peter Herbolzheimer gebucht.

 

Dieses außergewöhnliche musikalische Erlebnis, dass erst nach einer ausgedehnten Zugabe zu ende ging, wird in ganz besonderer Erinnerung bleiben.

 

(Quelle: le-nightflight.de)

Eintrittskarte

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Flower Power

vom 29. Oktober 2002

 

>Flower Power< heißt eine neue New Yorker Band, die sich weniger dem Lebenskonzept der Hippie-Bewegung verschrieben hat, sondern auf musikalische weise einen unkonventionellen Materialmix betreibt, der auf einen freien Umgang mit Elementen aus Rock, Jazz, Hip Hop‚ R&B‚ Drum&Bass und zeitgenössischer Musik setzt. Die verschiedenen musikalischen Versatzstücke verbinden der gebürtige Erfurter Jörg Krückel (Electric-Piano, Melodica‚ Effekte), Shawn McGloin (Bass‚ Effekte) und David Mason (Drums) im offenen improvisatorischen Spiel. Kurze musikalische Phrasen, Grooves und Kompositionen werden dabei nahtlos aneinander gefügt, ohne dass die dabei entstehenden Stücke einer vorher festgelegten Struktur folgen. Die musikalischen wurzeln von >Flower Power< liegen im Jazz, das Zusammenspiel ist davon wesentlich beeinflusst. Verzerrtes Wurlitzer-Piano und Hendrix'sche Wah-Wah Sounds erinnern an Miles Davis’ Live-Evil Bands, daneben werden aber auch Trip-Hop Loops gespielt und Ansätze zeitgenössischer Musik wie zum Beispiel die Olivier Messiaens verwendet.

 

Die Band hat im November ZDD1 ihre erste CD mit eigenen Kompositionen aufgenommen und spielt seit dem regelmäßig in der New Yorker Szene. Vom 29. Oktober bis 9. November unternimmt >Flower Power< das erste Mal eine Deutschlandtournee.


Eddie Palmieri

vom 04. November 2002

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Adam Holzman

vom 05. November 2002

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Wieder ein heißer Herbst in Leipzig’s Jazzlandschaft, erst Billy Cobham auf seiner ‘Culture Mix’-Tour, dann das 26. Leipziger Jazz-Festival mit Namen wie Mino Cinelu, Charlie Mariano, ganz nebenbei Jazzkantine in der Moritzbastei und Till Brönner im Lindenfels, um nur an einige Highlights zu erinnern. Wer in der 45. Kalenderwoche in den SPIZZ kam, konnte auch nichts falsch machen. Denn zum Leipziger Herbst Jazz Fest traf sich hier ohne Frage die Creme der internationalen Jazzwelt.

 

Nach dem Starschuss durch den fünffachen Grammy-Gewinner Eddie Palmieri mit Latin Jazz und Salsa am Montag, versammelte Keyboarder Adam Holzman seine ‚Brave New World – Band’ im Markt 9, um seinen Cyber Fusion Sound vorzustellen, bevor am Donnerstag Pharoah Sanders mit seiner hochkarätigen Band dieses Podium besetzte.

 

Adam Holzman, ehemaliges TuTu-Mitglied und langjähriges Livetour-Mitglied bei Miles Davis, arbeitete unter anderem auch mit Wayne Shorter, Chaka Khan, Michel Petrucciani und nahm einige Solo-Alben auf. Als Sohn des Präsidenten der Elektra Records machte er bei Zeiten Bekanntschaft mit etlichen namhaften Musikern. Er interessierte sich für den Progressive Rock von ‚Emerson, Lake & Palmer’ und ‚Yes’ und entwickelte nicht zuletzt hierüber seine Liebe zu Jazz-Fusion und Synthesizern. Durch seine Arbeit in Goodman’s Music Store in Los Angeles wurde er mit dem neuesten Hightech Equipment der MIDI Technik konfrontiert, machte sich einen Namen als Synthesizer Programmierer und Spieler und kam auf diesem Wege zu verschiedenen Studio Gigs.

 

In Adam Holzman’s Spiel findet sich die technische Reife des Synthesizers in genialer Weise vereint mit der Innovationskraft und Musikalität sowie dem tontechnischem Know How. Bemerkenswert sind seine sehr konzeptionellen Soundcollagen, die in die Komplexität der Musik eingebunden werden. Der Grenzgänger zwischen Fusion, Jazz und Rock stellte aber nicht nur seine Kreativität anhand von innovativen, ausgefeilten und vielseitigen Sounds am Fender Rhodes und den Synthesizern unter Beweis, wobei er origineller Weise häufig auch das Wha Wha Pedal einsetzte. Der Soundtüftler ist vor allem auch ein hervorragender Pianist, der mit Leichtigkeit großartige Improvisationen zaubert. Zwar bestimmte er von seiner Position aus immer wieder den Verlauf der Stücke, dennoch ließ er dem Saxophonisten Aaron Heick jeden Raum, als Solist im Vordergrund zu stehen.

 

Insgesamt bildete die Band eine geschlossene Einheit, obwohl oder gerade weil die Rollenverteilung zwischen den einzelnen Mitgliedern ständig wechselte. Jeder der Musiker glänzte in Soli mit außerordentlicher Spieltechnik, Kreativität und Originalität und war ebenso in der Lage, sich zurückzunehmen und dem momentanen Solisten den passenden klanglichen Rahmen zu gewährleisten, oder aber den Groove vorzugeben. Im Zentrum stand die Musik. Ihr wurde gedient, gleichgültig in welcher Position sich der einzelne Musiker befand. Dadurch entwickelten sich die Stücke geradlinig und logisch und waren dennoch voller Abwechslung und Vielschichtigkeit. Die Themen wurden zusammen mit der Führung des Stückes nahtlos von Instrument zu Instrument weitergereicht, aufgebaut und weitergeführt. Ohne jeden Bruch konnte sich auf diese Weise Spannung und Intensität entwickeln. In der Universalität zeigten sich deutlich die Studioqualitäten der Mitspieler.

 

Aaron Heick zählt zu den besten und meistgebuchtesten Saxophonisten. Das Ex-Chaka Kahn-Bandmitglied spielte auch mit Paul Simon und wurde für unzählige Studioaufnahmen engagiert. Bei ‚Brave New World’ ist Heick seit neun Jahren fester Bestandteil. Mit seinem meistens sehr kraftvollen Spiel machte er Druck und trieb die Stücke vorwärts. Aber auch ein sanftes Saxophon war zu erleben und übergab dem Piano eine schöne Melodie, welche dieses ruhig und getragen weiterführte. Der Schlagzeuger klopfte mit dem Stock dumpf auf den Trommelrand und ließ dazu das Highhead zart klingen. Der Bass ebenso zart und kaum merklich unterstützte, bevor das Saxophon wieder übernahm. Mittlerweile hatte sich auch die Gitarre wieder eingemischt. Ein lockeres, fröhliches Zusammenspiel kristallisierte sich heraus. Nach einem beschwingten Gitarrensolo voller leichtfüßiger Triller und Läufe fanden sich alle in ausgelassenem gemeinsamen Spiel wieder. Der Schluß des Stückes wurde ruhig und sanft vom Saxophon herbeigeführt bis der letzte Ton langsam luftig verhallte.

 

Eine Entdeckung Billy Cobhams ist Alex Elana. Mit vierzehn Jahren bereits erhielt er vom großen Meister des Schlagwerks Unterricht und wurde von Cobham protegiert. Das jüngste Mitglied der ‚Brave New World-Band’ spielte unter anderem mit Sandra Bernard, bevor er nach New York wechselte arbeitete er fünf Jahre in der Londoner Studio Szene, auch für Aretha Franklin. Sein Drumspiel ist sehr vielfältig und facettenreich, versehen mit wunderschönen Fills, dennoch aber immer sehr konsequent, geradlinig und prägnant. Eine seiner Spezialitäten ist der unkonventionelle Einsatz des Schellenkranzes, den er schon mal zum Trommel schlagen benutzt oder effizienter Weise zum mitklingen gleich auf das fußbetätigte Highhead legt. Immer bewieß er maßvolles und spannungsreiches Spiel, gerade auch am Highhead, dass er über eine lange Strecke zart und leise ausschließlich bediente, bevor er nach und nach die Becken und später kleine und große Trommeln einbezog, die Intensität beständig steigernd.

 

Auch der Bassist Freddy Cash arbeitete bereits mit Künstlern auf der ganzen Welt, zum Beispiel spielte er mit Jean-Paul Bourelly und bei ‚Arrested Development’. Bei seinem extrem weichen und ruhigen Spiel wirkte er fast regungslos, war ständig hochkonzentriert und zeichnete sich durch Konsequenz sowie äußerste Präzision aus. In seinen Soli slappte er zuweilen über die Seiten und tapste ebenso gutmütig trottend wie leichtfüßig durch die Harmonien, immer absolut präzise.

 

Als einer der heißesten Gitarristen New Yorks’ gehandelt, ist Mitch Stein seit sechs Jahren bei ‚Brave New World’ dabei. Er spielte unter anderem mit David Sandborn, Chaka Khan, der ‚Mino Cinelu Group’ und leitet seine eigene Band ‚The Hermanators’. Er zeichnete sich ebenso wie seine Mitstreiter durch absolute Professionalität aus. Ob sich die Gitarre in einer munteren Unterhaltung mit dem Bass über das musikalische Thema auslässt, oder zur Unterstützung der Improvisationen des Saxophonisten einen Klangteppich aus Gitarrensound schafft, nie spielt er sich in den Vordergrund sondern ordnet sich ins Gesamtkonzept ein. Er bietet keine strapazierten, ausufernden Gitarrenläufe aber immer hohes spieltechnisches Können.

 

Nach gut zwei Stunden Konzert verabschieden sich noch mal alle im Zugabenteil mit ausgeprägten Solis von ihrem begeisterten Publikum, dem Freddy Cash zuvor noch eine Liebeserklärung ausprach.

 

(Quelle: le-nightflight.de)

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Pharoah Sanders Group

vom 07. November 2002

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Im Herbst 2002 alle wichtigen Jazz-Termine in Leipzig wahrzunehmen, dürfte selbst für Fanatiker schwer sein. Nicht nur zum 26. Leipziger Jazzfestival vom 25. bis 28.09.02 waren Highlights zu erleben. Vom 04. bis 07. November ging der SPIZZ mit dem Leipziger Herbst Jazz Fest in eine weitere Offensive. Einen Termin, den man nun aber unbedingt wahr nehmen musste, war ‚The Pharoah Sanders Group’ im SPIZZ mit ihrer „rockig-bluesigen Funkschlacht“ (Jazzkalender November 2002).

 

„The greatest saxophonist“ and „spiritual voice“ Pharoah Sanders, der mehrere Jahre bei John Coltrane im Line up zu verzeichnen war, erwärmte „the greatest guitar player on the planet“ Jean-Paul Bourelly, „the great Matt Garrison on bass“ und „god“ Drummer Will Calhoun für sein Projekt, eine edle Auswahl!

 

Fast verträumt begannen Panflöte (Pharoah Sanders) und Flöte (Will Calhoun) ihr Spiel, das zusammen mit Bass und Gitarre in einen getragenen, gefälligen Song überging, dem es an jazzigen Details keineswegs mangelte. Zum beruhigenden Gesang Bourellys ließ Calhoun das Hi-Hat mit kleinen Fills zart klingen. Er war mittlerweile an sein Drumset gewechselt, von wo aus er eine mäßige Steigerung mitlancierte.

 

Nach dieser gelungenen Einstimmung griff Mister Sanders zum Altsaxophon. Es sollte keineswegs anderthalb Stunden lang verträumt bleiben, wenngleich sich die Group niemals in ausufernden Steigerungen verloren hätte. Kraftvoll, sehr dynamisch aber niemals hart wurde gejazzt, experimentiert und improvisiert, bekam der Blues seine edelste Plattform, wurden die Wurzeln und Einflüsse der Musiker deutlich.

 

Trotz Sanders Free Jazz Background waren die Titel grundsätzlich sehr melodiös und eingängig, keine endlosen, strapaziösen Tonskalen sind bei Pharoah Sanders zu befürchten. Seine Melodien sind oft beschwingt und leicht, reißen den Zuhörer mit in zauberhafte Klangwelten. Sanders Spiel ist weich und swingend und beruhigt manche quirlige Szene, um die Stücke zu einem befriedeten Ende zu führen. Als er am Ende des zweiten Titels nur noch die Klappen seines Saxophons sprechen ließ, klang das ungefähr so, als hätte er versucht die Farbenwelt eines Indian Summers in Töne zu fassen.

 

Der nächste Titel begann vorerst ohne das Saxophon. Mit Blues in der Stimme sang Bourelly schmerzvoll aber ohne jeden Pathos von Liebe und Verlust. Trotz der Polyrhythmik wurde die große Linie deutlich, dafür sorgte Matt Garrisson, der seinen Fünf-Saiten-Bass diszipliniert straight spielte. Im Verlauf des Stückes gesellte sich nun Sanders wieder hinzu. Seine einzigartige Anblastechnik ließ die Töne regelrecht lachen. Zart und nachdenklich lief dieser Titel aus, unterstützt vom Rascheln und Flirren der Besen, mit denen Will Calhoun vorsichtig die Becken und Trommeln klingen ließ.

 

Der Weltklasse Drummer, der unter anderem mit dem Buddy Rich Jazz Masters Award geehrt wurde und in den Leser- wie Kritikerwertungen namhafter Musikmagazine wie dem Modern Drummer Magazine mehrfach als bester und progressivster Drummer hervorging, ist gleichzeitig auch Produzent und Songwriter. Seine Vielseitigkeit macht ihn zur gefragten Studio- und Tourbegleitung im Jazz-Bereich wie in der Hard Rock und HipHop Szene. So stand er bei Marcus Miller, BB King und Jaco Pastorious eben so auf dem Lineup wie bei Mick Jagger, oder Run DMC. Mit der Hard Rock Formation ‚Living Colour’ gewann er Grammys sowie internationale Rock Preise.

 

Zu seinem Equipment gehörten auch Korg Wave Drums, elektronische Pads, an denen er seine Kreativität sowie seine Engeneering-Qualitäten unter Beweis stellte. Exotische Klänge, dahinfließend wie Wasser, doppelte er elektronisch, um mit sich selbst zu spielen. Variantenreich wurden Soundmöglichkeiten genutzt. Die Rhythmik verzauberte. Jean Paul Bourelly griff hier zur Akustikgitarre. Calhoun wechselte zurück an sein Schlagzeug, während die Elektronik den Grundschlag und den Sound der Wave Drums weiter vorgab. Mit der Handfläche schlug Matt Garrisson rhythmisch die Saiten seines Basses an. Pharoah Sanders führte nun wieder die Band mit dem Saxophon und zog das Publikum hinein in eine andere Welt.

 

Im anschließenden zähen schweren Blues wurde nun noch einmal die Panflöte zum Einsatz gebracht. Diese Besetzung mag für den Stil ungewöhnlich erscheinen. In keinem Moment war sie fragwürdig. Sanders, der in seiner Jugend meist schlechtbezahlte R&B-Gigs spielte, vermittelte hier glaubwürdig tiefes Lebensgefühl und entlockte dem Instrument selten genutzte Ausdrucksmöglichkeiten. Am Ende des Stückes wechselte Sanders noch mal an das Saxophon, brachte gesangliche Einwürfe und sprach und sang durch sein Sax. Die bluesigen Gitarrensounds und Riffs, die klagende verzerrte gold sparkeld Tenessie verrieten beste Traditionen, in denen Jean Paul Bourelly steht. Jimmy Hendrix größte Ehre erweisend sang und spielte er den Blues aus tiefstem Inneren, urwüchsig, nicht hochstilisiert, lebendig, traditionsbewusst. Diese Musik macht schwermütig und glücklich zugleich.

 

Auch Matt Garrisson hatte in seinen Soli noch ausreichend Gelegenheit, die ganze Bandbreite seines Bass-Spiels zu präsentieren, slappte und tappte und erinnerte mit seinem Sound auch schon mal an arabisches Markttreiben. Der Sohn Jimmy Garrissons (Bassist bei John Coltran), der in einem Umfeld aufwuchs, das sich aus Künstlern verschiedener Sparten zusammensetzte, Musikern, Tänzern, Poeten, trat unter anderem zusammen mit Herbie Hancock, John McLaughlin, The Gil Evans Orchestra oder Chaka Khan auf.

 

Die vor Konzertbeginn im Zuschauerraum platzierten Stühle blieben dann doch ungenutzt. Glaubte anfangs mancher, er würde ein solches Möbel benötigen, stellte sich die Situation tatsächlich völlig anders dar. Das Publikum war begeistert und auf keinem Platz zu halten. Minutenlanger Applaus, Pfiffe und vehemente Zugabe-Forderungen konnten allerdings zu keiner Verlängerung erweichen, gegen 23:00 Uhr war definitiv Ende des Konzerts.

 

(Quelle: le-nightflight.de)


Let Kiss

vom 05. Dezember 2002

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Record Release Party zum 2. Album "Upstairs"


Jocelyn B. Smith

vom 12. Dezember 2002

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„Setze Dein Gefühl in Kraft“, fordert Jocelyn B. Smith in fotografischer Dreifaltigkeit auf den ganzseitigen Anzeigen der nächsten NIL-Kampagne. Wie das geht, demonstriert sie auf "Back to Soul". In den vierzehn Songs dieses neuen Albums setzt die singende Sensation ihr Gefühl in Kraft. Und legt dabei nicht mehr oder weniger als ihre Seele frei. Das bewegt, in jeglicher Hinsicht: die Musik auf "back to soul"- ehrlicher Soul, erdiger Funk, elegante Melodien und erfahrene Texte- spricht gleichermaßen Herz, Hirn und Hüfte an. Modern produziert, in Traditionen verwurzelt. Zeitlos und trotzdem "in the moment".

"Don’t need to worry, I’ll be fine for myself" sind die ersten Worte auf "back to soul". Sie eröffnen den Song "love isn’t a long way from home". Und das ist natürlich kein Zufall. "All you need to do is settle down, cause God will be around - love isn’t a long way from home" singt Jocelyn in dieser schönen, eindringlich groovenden Nummer. Und spiegelt damit gleich zu Anfang einen wichtigen Teil ihrer Lebenserfahrung wider. Am 22.8.1960 im New Yorker Stadtteil Queens geboren, gehörte sie Anfang der 80er zu Lenny Whites Funk/Soul-Truppe "Twennynine". Später wechselte sie u.a. zu den Disco-Funkern „Change“ und blieb 1984 in Berlin. Seitdem hat sie sich einen immer wichtigeren Platz in der deutschen Kulturszene verdient.

Vor allem aber hat sich das "Gesamtkunstwerk" (FAZ) durch zahlreiche Soloalben und die dazugehörigen Konzerte ein treues Publikum ersungen. "Gott ist schwarz und eine Frau" behauptet die WAZ nach einem Auftritt, "die Frau besticht nicht nur durch eine urgewaltige, facettenreiche Stimme mit traumhaftem Tonumfang" wusste der Münchner Merkur nach einem Konzert zum Tollwood Festival und in der SZ war anläßlich desselben Konzerts zu lesen: "Ihre Stimmgewalt hat sie in vielen Jahren und beinahe ebenso vielen Genres zur Perfektion getrieben" und "nicht nur deshalb war Löwin Smith die Königin des Abends". Wie kaum eine andere erzählt Jocelyn B. Smith auf der Bühne und im Studio Geschichten, die wie lebensberatende Fabeln funktionieren. Einfach, ehrlich, weise und unentbehrlich. Sie rät zu und ab, unterhält subtil und überträgt dabei ihre Emotionen auf die Zuhörer. Sie "setzt ihr Gefühl in Kraft". Wie immer schon.

Mit ihrem siebten Album erfüllt sie sich und ihren Fans jetzt einen lang gehegten Wunsch. Der Titel ist Programm: "Back to Soul". Mit ihrer Band mit Henning Schmiedt (Keyboards, Programmings), Eric St. Laurent (Gitarre), Volker Schlott (Saxophon), Hans-Dieter Lorenz (Bass) und Thomas Alkier (Schlagzeug) und Gästen wie Perkussionist Topo Gioia hat sie ein Studioalbum mit Live-Energie eingespielt, das in einer knappen Stunde Spielzeit weite Teile des emotionalen Kosmos bereist. "Love isn’t a long way from home", "his love has got to be real" oder "guide me" bieten "spirituellen Schleppfunk" – tiefe Texte zu ebensolchen Grooves. "Gonna be alright", "it doesn’t matter" und "fearless" sind hymnische Hits, "things I can’t explain" und "is it time" hoffnungsvoll melancholische Balladen. Funk-Rock a la Sly Stone oder Mother’s Finest hört man auf "it’s the spirit", "gotta make some noise" und "it doesn’t matter". Das ruhige, aber dennoch ruhelose "any other way" ist ihre höchst eigene Version von "spoken word poetry". Und dann wären da natürlich noch die aufbauende Midtempo-Nummer "someday we’ll understand", die herzergreifende "musikalische Wegweisung" für ihre beiden Kinder Josefine und Jonathan auf "Jo-Jo" und eine mitreißende "Gospel-Version" von "His Love Has Got To Be Real" zum krönenden Abschluß. Gemastert von Bo Kondren (etwa Jazzanova) ist die CD ein sicherer Weg, Gefühl in Kraft zu setzen. Er führt "back to soul".